Und wenn die Welt voll Teufel wär
Folgrenreiche Szenen aus dem Leben des D. Martin Luthers
Lebendige Beziehung zu Martin Luther
Sie beginnt mit einer 2-RM-Gedenkmünze mit dem Reliefbild Luthers. Mein Vater hatte sie mir geschenkt, als ich vier oder fünf Jahre alt war. Und dann erzählte mir mein Vater von ihm, von seinem mutigen Bekenntnis vor dem Reichstag zu Worms: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen." Mit bangem Gefühl und Bewunderung habe ich diese erste Kunde von Martin Luther in mich aufgenommen. Ich war stolz, dass wir "lutherisch" waren. Die Münze habe ich zeitlebens in Ehren gehalten. Leider wurde sie mir bei einem Einbruch ins Elmschenhagener Pastorat gestohlen.
Nach dem Untergang des Nationalsozialismus überließen mich ein liberales Elternhaus, eine in Trümmer liegende Umwelt und ein seltsam verschwiegenes Gymnasium der eigenen Orientierungssuche. Im Konfirmandenunterricht der lutherischen Kirche begenete mir wieder die Gestalt Luthers. Ein glaubwürdiger, warmherziger Pastor vermochte es, uns Luthers kleinen Katechismus beizubringen. Luthers Erklärungen zu den Hauptstücken des Glaubens sind mir bis heute präsent geblieben.
Gleich zu Beginn des Studiums der Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Hamburg hörte ich bei Professor Kurt-Dietrich Schmidt "Kirchengeschichte III", die Geschichte der Reformation. Wieder begegnete mir die Gestalt Luthers. Jetzt begegneten sich die Sehnsucht des jungen Menschen nach Angenommenwerden und Geliebtwerden und Luthers Ringen im Kloster bis zum befreienden Durchbruch des Evangeliums, bis zur Erfahrung der "Rechtfertigung des Sünders um Christi Willen". Die innere Verwandschaft der eigenen Sehnsucht mit Luthers Lebensfrage und Glaubenserfahrung ließ eine neue innige und vertraute Nähe zu Luther entstehen. Er blieb mir Leitfigur und "Übervater".
Zur Zeit meiner ersten Pfarrstelle in Hamburg begenete ich einer leiblichen Nachfahrin Luthers. Sie hatte in ihrem Wohnzimmer eine kleine Reproduktion des Gemäldes von C. Spangenberg "Luther und die Seinen" hängen: Luther, Laute spielend, seine Ehefrau Käthe, die Kinder und zu Besuch Philipp Melanchthon mit einem Krug Bier.
Als die Nachfahrin Luthers bemerkte, wie mich das Bild beschäftigte, nahm sie es von der Wand und schenkte es mir. Damals waren mir "Luther und die Seinen" so etwas wie ein Muster des eigenen Lebens als Pfarrer, Ehemann und Familienvater. Angeregt durch dieses Bild habe ich damals noch gelernt, Laute zu spielen. Zum Glück ist dieses Bild nicht gestohlen worden, es befindet sich noch in meinem Besitz.
Nun ist auch dieser Lebensabschnitt längst vergangen. "Theologie pur", "Kirche pur", "Bibel pur" und "Glauben pur" sind für mich nicht mehr so wichtig. Einen Übervater brauche ich auch nicht mehr. Geblieben ist aber die Dankbarkeit, in einem "protestantischen" Milieu gelebt zu haben und zu leben. Mir sind ebenheilige Väter, heilige Stätten, heilige Jahre, Heiligsprechungen, die Verehrung der Jungfrau Maria, eine Behörden-Kirche, die den Glauben verwaltet, ein Priestertum, das Dank seiner Weihebefähigt ist, die Gnade zu vermitteln, innerlich denkbar fern. Zum protestantischen Milieu gehören für mich auch freie und individuelle Religiosität und die heitere Einsicht in den höchst provisorischen Charakter aller Theologie und aller kirchlichen Institutionen. Wenn ich mich frage, welchen Menschen in Geschichte und Gegenwart ich mich innerlich verbunden fühle, so fallen mir eben Menschen aus "protestantischen Milieu" ein: Johannes Sebastian Bach, Albert Schweitzer, Wilhelm Busch, Ernst Barlach, Jochen Klepper, Christiane Herzog, Richard von weizsäcker.
Aus der jahrelangen Bemühung, am Reformationstag der jungen Generation die Gestalt Luthers nahezubringen, ist das Puppenspiel "Und wenn die Welt voll Teufel wär" entstanden. Es bringt meine Dankbarkeit gegenüber Martin Luther zum Ausdruck.
(Pastor Reinhold Becker, Oktober 2000)